Backsteingotik

Monumente der Macht

Stolz ragen sie auf, die Kirchtürme der Hansestädte. Weithin sichtbar, das flache Land dominierend, sind sie auch heute noch Wahrzeichen und Baudenkmäler ersten Ranges. Eines verbindet sie, die Hallenkirchen und Basiliken, die Klöster und Rathäuser, die Stadttore und ihre Mauern: Sie sind die Symbole geistlicher und weltlicher Macht. Und alles ist aus dem meist roten und teils glasierten Backstein gefertigt.

Aus Mangel entstand Einmaligkeit. Denn die damals verbreiteten Holz- und Fachwerkkonstruktionen waren für Monumentalbauten wie Kirchen, Klöster etc. nicht geeignet, und Naturstein gab es nicht. Die dafür benötigten Transporte wären zu teuer oder schlichtweg nicht durchführbar gewesen. Da besann man sich auf ein Verfahren, welches schon viel früher angewandt wurde, das Brennen von fes - ten Formsteinen aus Lehm, der in Hülle und Fülle vorhanden war.

Diese Ziegel, die Backsteine, waren außerordentlich stabil und durch die immer gleiche Form sehr variabel einsetzbar. Es setzte sich ein Format (Klosterformat: 28x15x9 cm bis 30x14x10 cm) für diese Steine durch. Dadurch konnten gewisse Bautechniken optimiert und Formsteine, Abschlusssteine etc. vorproduziert werden. Es war möglich, dass im Gegensatz zur Werksteingotik nun die gesamte Ziegelproduktion in baustellenunabhängigen Ziegeleien erfolgte. So wurden in kürzester Zeit eine Unmenge von Klöstern, Kirchen und anderen sakralen Gebäuden sowie prächtige Profanbauten errichtet.

Die zentrale Stadt der Hanse war Lübeck, die im Spätmittelalter neben Köln und Magdeburg die größte Stadt des gesamten Reiches war. Lübeck wurde von Kaiser Karl IV. in einem Edikt auch zu den fünf „Herrlichkeiten des Reiches“ gezählt. (Die anderen waren Rom, Venedig, Pisa und Florenz!). Hier saß natürlich nicht nur die Macht, sondern, oder gerade deshalb, das Geld. Noch heute ist der seit 1987 als Weltkulturerbe geschützte Innenstadtbereich Zeuge dieser Macht.

Der Baukomplex Rathaus, das Burgkloster, der Koberg, ein Viertel aus dem 13. Jahrhundert mit der Jakobskirche, dem Heiligen-Geist-Hospital und die Patrizierhäuser zwischen Petrikirche und Dom, der Salzspeicher und natürlich das weltberühmte Holstentor sind alle Zeugen einer blühenden Backsteingotik. Es gibt eine Menge Touren und Routen, die diesen einmaligen Schatz in Norddeutschland erlebbar machen und, verbunden mit der Natur dieser Region, ihn in einen landschaftlichen Kontext stellen.

Die Wanderausstellung „Wege zur Backsteingotik“ von 2002–2005, die jetzt als Dauerausstellung in den Wismarer Kirchen St. Georgen und St. Marien zu sehen ist, erfreut sich nach wie vor ungebrochener Beliebtheit. Ausgehend vom Palace Hotel Usedom sind natürlich die Städte Wolgast, Anklam und Greifswald eine Reise wert. Direkt am Peenestrom liegend, zählt Wolgast mit seinen nicht einmal 15.000 Einwohnern zu den Kleinstädten. Dennoch erhebt sich weithin sichtbar St. Petri, eine dreischiffige Basilika aus dem 14. Jahrhundert und Grabstätte der in Wolgast residierenden Pommernherzöge der Linie Pommern- Wolgast.

Weiterhin ist die Kapelle St. Gertrud (um 1400) interessant, da sie in ihrer zwölfeckigen Konzeption dem Heiligen Grabe in Jerusalem ähnelt. Wolgast verführt mit seinen kleinen Gässchen und Innenhöfen zu einem Bummel, der noch viele andere Sehenswürdigkeiten offenbart. Am südlichen Tor der Insel Usedom, ebenfalls am Peenestrom, liegt Anklam, eine sehr alte Hansestadt, die durch den letzten Krieg stark zerstört wurde. Dennoch sind imposante Zeugnisse der Backsteingotik unübersehbar. Da wären: Die Nikolaikirche, die zwar ausgebombt wurde, aber seit 1993 wieder Stück für Stück restauriert wird (Teile des originalen Interieurs, wie die geschnitzten Chorstühle, die Grabplatten oder die Apostelglocke, blieben erhalten), das schon Mitte des 13. Jahrhundert errichtete Steintor, was von einer großen Wehrhaftigkeit und daher auch von überdurchschnittlichem Reichtum kündet und die Marienkirche, die als besterhaltenes Baudenkmal einen wunderbaren Blick auf Anklam und die Umgebung bietet.

Doch fahren wir auf der B109 Richtung Norden. Die nächste Stadt ist das wahre Kleinod der Hanse, vielleicht eine der schönsten Städte in Vorpommern überhaupt, Greifswald. Die alte Universitätsstadt liegt am Greifswalder Bodden und wurde durch die Klosterruine Eldena, die Caspar David Friedrich in vielen Bildern malte, berühmt. Dominiert wird die Silhouette von den drei Kirchen St. Nikolai, St. Marien und St. Jakobi. Vom fast hundert Meter hohen Turm des Domes St. Nikolai sieht man über weite Teile des Inlandes sowie über den Bodden bis Rügen.

Auf einem Rundweg stellt man schnell fest, das reiche Patrizier wunderschöne Zeugnisse der Backsteingotik schufen. Besonders ist der Museumshafen, der ausschließlich historischen Schiffen Ankerplätze vorbehält. Ausgehend von Schloss Lütgenhof ist neben dem schon erwähnten Lübeck (ca. 25 km) auch Wismar eine Reise wert. Die UNESCO-Weltkulturerbe- Stadt ist ein Schulungsbeispiel für Hansestadtbau nach lübischem Recht. Nahezu unverändert präsentieren sich die Grundrisse der Straßenzüge und Bebauungen. Eine hohe Anzahl von Gebäuden heißt die Besucher mit ihrem typischen Ziegelrot willkommen. Der St. Georgen-Kirchhof, die St. Nikolaikirche und die St. Marienkirche (Turm) lassen die einstige Wichtigkeit dieser Stadt erahnen.

Der große Hafen ist ein historisch angelegter und künstlicher Wasserlauf aus dem Mittelalter und ist damit Zeugnis des eigentlichen Machtzentrums damaliger Seestädte. Zahlreiche Touren führen durch die wechselvolle Geschichte Wismars. Immer vorbei an den ziegelroten Begleitern geht es nun nach Neukloster. Idyllisch am Neuklostersee gelegen und im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörung verschont, zieht diese Kleinstadt einen in den Bann vergangener Tage und Jahrhunderte. Besondere Beachtung verdient der Klosterkomplex. Das Props teigebäude, der Klosterpark und natürlich St. Maria im Sonnenkamp sind wertvolle Zeugnisse einer nordisch-klerikalen Kultur. Wenn man in Schloss Wendorf residiert, versteht sich ein Besuch von Schwerin und Güstrow von selbst.

Schwerin, Gastgeber der BUGA 2009, kennt man vor allem durch sein Schloss. Aber auch der Dom aus dem 14./15. Jahrhundert reiht sich in die berühmten Kirchen der Hochgotik ein. Der Turm selbst, als Beispiel neogotischer Backsteingotik, ist mit 117,5 Meter der höchste Mecklenburgs. Eine zweite berühmte Kirche dieses Baustils, ist die Paulskirche. Sie wurde 1869 geweiht. Als Hauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns hat Schwerin einiges zu bieten. Neben der historischen Schelfstadt mit Kirche, die 1703 von Herzog Friedrich Wilhelm als barocke Anlage neu errichtet wurde, sind auch die Museen, das Staatstheater, der Markt mit dem Rathaus und viele Restaurants, Ausflugslokale und Kneipen eine Reise wert.

Auch Güstrow, bekannt als Barlachstadt, ist Repräsentant der Backsteingotik. So ist vor allem sein Dom zu nennen, der noch romanische Züge trägt. Er steht inmitten eines Ensembles mit Bürgerbauten, der ältesten Schule Mecklenburgs und dem ehemaligen Hofgericht von Wallenstein. Zu sehen bekommt man jedoch erst einmal die Pfarrkirche St. Marien, deren Turm den Weg in die Stadt weist. Diese dreischiffige Basilika, die viele Umbauten erlebte, wird uns verabschieden von einer Reise in eine norddeutsche Vergangenheit, die in dem rötlich-warmen Ton der Backsteine uns eine immerwährende Erinnerung ist.