Usedomer Stammgäste und Ihre Geschichten

Hans Fallada

Wenn Mauern reden könnten, dann hätten die Wände des „Usedom Palace“ viel zu erzählen. Kaum ein Hotel an der deutschen Ostsee-Küste hat im Laufe seines Bestehens so viel Geschichte erlebt wie das stattliche 5-Sterne-Haus in Zinnowitz auf der Insel Usedom.

Hans Fallada Haus in Carwitz nach der Renovierung
Hans Fallada Haus in Carwitz nach der Renovierung (Foto: Ch. Pagenkopf)

Im Mai 1900 wurde der imposante spät-klassizistische Bau direkt an der Zinnowitzer Uferpromenade eröffnet. Das "Schwabe's" wird rasch zum "Vornehmsten Haus am Platze" und erhält bei Einführung des Telefons auf der Insel die Rufnummer Zinnowitz 1.

Für Schriftsteller und namhafte Persönlichkeiten entwickelt sich das Hotel im Laufe der Jahre zu einer beliebten Adresse. Auch Hans Fallada war hier häufiger Gast und vertrank hier standesgemäß einen Teil seiner Tantiemen, die er mit seinem Erfolgstitel "Kleiner Mann, was nun" verdient hatte, bevor er mit dem restlichen Honorar 1933 in Carwitz, südlich von Neubrandenburg, ein Gut erwerben konnte.

Eigentlich hieß Hans Fallada von Geburt an Rudolf Ditzen. Er wurde am 21. Juli 1893 als ältester Sohn des Landgerichtsrats Wilhelm Ditzen und dessen Frau Elisabeth in Greifswald geboren. Aufgrund einer beruflichen Versetzung des Vaters zog die Familie 1899 nach Berlin wo Rudolf ab 1901 das Gymnasium besuchte. Acht Jahre später wurde Wilhelm Ditzen zum Reichsgerichtsrat befördert und nach Leipzig versetzt.

Im Alter von achtzehn Jahren wollten sich Rudolf Ditzen und sein Schulkamerad Hans Dietrich von Necker gegenseitig bei einem Duell erschießen. Im Gegensatz zu seinem Mitschüler wurde Rudolf aber nur leicht verletzt und überlebte. Er musste die Schule ohne Abschluss verlassen und wurde einige Zeit zwangsweise in die psychiatrische Universitätsklinik in Jena eingewiesen.

Danach begann er eine landwirtschaftliche Ausbildung. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, hielt es aber nur wenige Tage beim Militär aus. Ab 1915/16 schlug er sich als Gutsangestellter, Assistent der Landwirtschaftskammer in Stettin und Angestellter der Kartoffelbaugesellschaft in Berlin durch. 1917 und 1919 musste er sich wegen seiner Abhängigkeit von Morphium und Alkohol Entziehungskuren unterziehen.

Unter dem Pseudonym "Hans Fallada" (den Namen entlehnte er einem Märchen der Gebrüder Grimm) veröffentlichte er 1920 seinen ersten Roman "Der junge Goedeschal".

Wegen einer Unterschlagung wurde Hans Fallada 1923 zu drei Monaten Haft verurteilt, von 1926 bis 1928 verbüßte er eine zweieinhalbjährige Gefängnisstrafe wegen Betrugs.

Am 5. April 1929 heiratete Hans Fallada die acht Jahre jüngere Anna Margarete Issel. Ihre Kinder wurden 1930 (Uli), 1933 (Lore) und 1940 (Achim) geboren. Nach mehreren Anstellungen auf Gütern in Mecklenburg, Westpreußen, Schlesien, Pommern und Holstein arbeitete er Fallada nach seiner Heirat zunächst als Annoncenwerber und Journalist, bevor er im Jahr darauf als Lektor zum Rowohlt-Verlag wechselte.

Am 5. Juni 1944 wurde seine Ehe geschieden; 3 Monate später, am 28. August 1944, soll Fallada auf seine geschiedene Frau geschossen haben, ohne sie zu treffen. Statt einer weiteren Haftstrafe wurde er für dreieinhalb Monate in eine Trinkerheilanstalt eingewiesen.

Kaum entlassen heiratete er bereits am 1. Februar 1945 die ebenfalls alkoholkranke und morphiumsüchtige Witwe Ursula Losch und zog mit ihr nach Berlin. Das Geld für Drogen und Spirituosen beschaffte seine Frau durch Prostitution, wodurch sie sich und danach auch Hans Fallada mit Syphilis infizierte.

Hans Fallada starb am 5. Februar 1947 mit nur 54 Jahren in einem Berliner Krankenhaus.

Was bleibt sind seine Romane, die im Stile der neuen Sachlichkeit nüchtern und wie Reportagen geschrieben sind. Seine eigenen Lebenserfahrungen dienen oft als Grundlage für die jeweilige Geschichte, wobei ihm seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe sehr zugute kam. Johannes R. Becher sagte 1947 über Hans Fallada: "Er verfügte über die breiteste Skala menschlicher Empfindung. Nichts Menschliches, nichts Unmenschliches ist ihm fremd geblieben. Die verborgensten Gefühle schlug er an, und nichts Unbewusstes fehlte auf seiner Tastatur, und das Außergewöhnliche und Problematische wusste er verständlich und zugänglich zu machen in einer schlichten, volkstümlichen Sprache. Seine Liebe aber galt dem einfachen Leben und den kleinen Leuten."

Ausgaben der Bücher Hans Falladas stehen heute im Kaminzimmers des Usedom Palace den Gästen als Lektüre zur Verfügung, darunter Ausgaben von:

  • Der junge Goedeschal (1920)
  • Bauern, Bonzen und Bomben (1931)
  • Kleiner Mann, was nun (1932)
  • Wer einmal aus dem Blechnapf frisst (1934)
  • Wir hatten mal ein Kind (1934)
  • Vom Stadtschreiber, der aufs Land flog (1935)
  • Altes Herz geht auf die Reise (1936)
  • Wolf unter Wölfen (1937)
  • Der eiserne Gustav (1938)
  • Kleiner Mann, großer Mann, alles vertauscht (1939)
  • Damals bei uns daheim (Autobiografie, 1942)
  • Heute bei uns zu Haus (Autobiografie, 1943)
  • Jeder stirbt für sich allein (1947)
  • Der Trinker (1950)

Wer auf den Geschmack kommt und sich noch intensiver mit Leben und Werk des berühmten Gastes auseinandersetzen möchte, dem sei ein Ausflug ins Fallada Dorf Carwitz, ca.137 km vom Usedom Palace entfernt, empfohlen. Dort ist heute in dem ehemaligen Gut, welches Fallada sich mit seinem Honorar für seinen ersten Erfolgstitel „Kleiner Mann, was nun“ gekauft hatte, das Fallada Archiv und ein Museum untergebracht.

Die elf Jahre, die Hans Fallada in Carwitz zusammen mit seiner Frau Anna Ditzen (genannt Suse) und mit seinen Kindern verbrachte, gehören zu seinen glücklichsten und vor allem produktivsten, denn hier entstanden die meisten seiner Werke.