Lyonel Feininger (1871 – 1956) verliebte sich in das Eiland im Jahr 1908, als er die Insel das erste Mal besuchte. Bis zu seinem Tod schuf er unzählige Naturnotizen zu Ölbildern, Aquarellen und Holzschnitten. Seine Faszination galt vor allem den zahlreichen Kirchen, den Mühlen und Landstraßen, die er in unterschiedlichen Techniken interpretierte. Insbesondere die Usedomer Jahre von 1908 bis 1918 trugen entscheidend zur Entwicklung des Karikaturisten zu einem der bedeutendsten Künstler der Klassischen Moderne bei. So entfaltete sich aus den Naturnotizen der markante, zunehmend abstrakte Stil Feiningers.
Dennoch fand sein Schaffen auf Usedom bisher vergleichsweise wenig Beachtung. So ist die von der Gemeinde Benz initiierte und 2009 eingeweihte Lyonel-Feininger-Radtour eine außerordentliche Möglichkeit, Feiningers umfangreiches Werk buchstäblich zu „er-fahren“. Einheitliche Wegweiser und auf die Motivorte hinweisende Bronzeplatten leiten den Radfahrer auf einer großen (40 km) und einer kleinen (16 km) Tour über die Insel Usedom, so wie der Künstler sie sah.
Ausgangspunkt der Radtour ist jeweils der kleine Ort Benz, wo Feininger sein Lieblingsmotiv fand, die Benzer St. Petri-Kirche. Bisher wurden über 70 Arbeiten des Künstlers mit Benzer Motiven ermittelt. Die idyllische Lage der Kirche ist sicher beeindruckend, aber auch malkompositorisch muss Feininger sich vor einer Herausforderung gesehen haben. So zeigen die über 45 Arbeiten, die Feininger von der Kirche fertige, zuletzt noch kurz vor seinem Tod 1955 in New York, das Gotteshaus aus den verschiedensten Perspektiven. Damals war es nur zu Gottesdiensten geöffnet. Auch heute lohnt sich ein Blick in die stets offene Kirche mit ihrem blauen Sternenhimmel.
Hinter der historischen Kirche in Benz befindet sich das Kunstkabinett Usedom. Die Galerie von Hannes Albers zeigt neben wechselnden Ausstellungen auch Kunstdrucke und Unikate von Lyonel Feininger. Desweiteren zählt ein Fahrrad der Marke Cleveland Ohio von 1897 zu den Schätzen des Kabinetts. Mit einem solchen Modell hat der technikbegeisterte Maler vor gut 100 Jahren die Gegend erkundet und jährlich bis zu 10.000 Kilometer zurückgelegt. Ein weiteres Highlight in Benz ist die Holländer-Windmühle, die Feininger rätselhafterweise nur einmal gezeichnet hat. Vom Mühlenberg aus sind jedoch mehrere eindrucksvolle Aquarelle vom Ort und wiederum der Kirche entstanden. Die Zeichnung der Windmühle befindet sich heute im Besitz der Familie Rockefeller.
Die kleine Rundtour führt weiter Richtung Achterwasser über die idyllischen Dörfer Neppermin, Balm und Mellenthin. Es gibt keinen anderen Ort, an dem Feininger so viele verschiedene Häuser, Scheunen, Mühlen und Landwege gemalt hat wie Neppermin. Einige Motive sind noch so zu betrachten wie einst Feininger sie sah, andere, wie die fünf Nepperminer Bockwindmühlen gibt es nicht mehr. In liebevollen englischen Wortspielen wie „Nevermind“ und „Peppermint“ sprach der Künstler von dem Ort, an dem auch die skurrile Tuschezeichnung „Zeppelin über Neppermin“ entstand. Und in der Tat ist Neppermin am Achterwasser der Inbegriff eines malerischen Dorfes.
Begleitet vom Schilf am Ufer des Balmer Sees geht die kleine Feininger-Tour weiter bis ins Dörfchen Balm, das zu Feiningers Zeiten noch ein paar mehr Einwohner gezählt haben mag. Der Maler war fasziniert vom bunten Treiben auf dem Rummelplatz mit dem Wanderzirkus und all den neugierigen Kindern. Heute bedarf es für solche Szenen ein wenig Vorstellungsvermögen, aber an landschaftlichem Reiz hat das Dorf dennoch nichts eingebüßt.
Übers Feld und durch den Wald gelangt man nach Mellenthin. Hier sind der Hundemarkt, die Kirche aus dem 14. Jahrhundert sowie das Wasserschloss zu besichtigen. Das aus der Hochrenaissance stammende Wasserschloss wird nach umfangreichen Restaurationsarbeiten als Hotel und Restaurant genutzt. Die hauseigene Waffelbäckerei lädt zur Rast ein, bei gutem Wetter im Strandkorb vor dem Schloss.
Über die Dorfstraße oder durch den Wald geht es auf dem Radweg zurück über Neppermin zum Ausgangsort Benz. Bereits die kleine Feininger-Radtour bietet einen schönen Einblick in das umfangreiche Schaffen Feiningers auf Usedom und somit in das Leben auf der Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wem 25 Malstandorte oder die 16 km Radfahren noch nicht ausreichen, der begibt sich auf den Weg über Bansin nach Heringsdorf, wo Feininger stets in der Pension Zander einkehrte. Zu seiner Zeit das „Nizza der Ostsee“, war Heringsdorf mit neuer Seebrücke, Kurhaus und modernen Badeanstalten ein mondänes Seebad. Für den umtriebigen Weltbürger mag es eine Oase der Erholung gewesen sein, auch damals schon in nur drei Stunden mit der Bahn von Berlin aus zu erreichen.
Auf der Tour geht es weiter an der Ostseeküste entlang über Ahlbeck nach Swinemünde, wo die Swine-Mündung mit den Schiffen und Hafenanlagen, das alte Rathaus und die letzte Windmühle von Swinemünde, die leider nicht mehr erhalten ist, den Maler immer wieder anregten. Das weiter östlich gelegene Dorf Deep wurde Feininger von 1924 bis 1935 zur Sommerresidenz, bis sich der Bauhaus-Meister 1937 gezwungen sah wieder in seine Heimat USA zurückzukehren. Der große Rundweg führt von Swinemünde über die Dörfer Zirchow, Korswandt und Gothen, am Gothener See entlang zurück nach Bansin.
Die komplette Lyonel-Feininger-Radtour auf Usedom ist in einem umfangreichen und aufwendig gestalteten Begleitbuch nachzuvollziehen. Wenn auch etwas umständlich für den Radfahrer, bietet es mit vielen Abbildungen und Hintergrundinformationen eine fundierte Analyse des reichen künstlerischen Erbes Lyonel Feiningers auf Usedom. Das Buch ist im Kunstkabinett von Hannes Albers in Benz erhältlich, das allerdings nur am Freitag, Samstag, und Sonntag von 10-17 Uhr geöffnet hat.
Wer dem Geist des großen Künstlers und weiterer Künstler-Persönlichkeiten nachspüren möchte, übernachtet auf der Insel stilgerecht im Usedom Palace in Zinnowitz. Mit der Usedomer Bäderbahn (UBB) gelangt man bequem mit seinem Fahrrad nach Bansin. Von wo aus der gut ausgebaute Radweg über die Kaiserbäder in Richtung Swinemünde führt oder über die Dörfer Sallenthin und Benz bis zum Achterwasser zur Entdeckung des Hinterlandes.






