11. Apr. 2011

RREC

Rolls-Royce Enthusiasts' Club

It's Tea Time

Frederik Vongehr lädt ein und Peter Stanikowski erklärt, weshalb man dieser Einladung folgen sollte. Genau dann, wenn sich mancher schon im Winterschlaf wähnt, werden die letzten Reserven des Jahres noch einmal genutzt. Für das Gemüt, die Vorfreude auf das neue Jahr und die Liebe zum Enthusiasmus.

Zugegeben, die Laune steigt, wenn sich die ersten Krokusse und Schneeglöckchen im Garten zeigen, der Forsythienbusch einen ersten gelben Farbklecks in die graubraune Umgebung zaubert und die Tage wieder länger werden. Nicht zuletzt rückt der Termin der ersten Ausfahrt näher und setzt noch ein paar Glückshormone frei. Kurz, der Winter ist für Enthusiasen nicht die Jahreszeit der Wahl. Es sei denn, man kramt im Schatzkästchen der Erinnerung den letzten November hervor - das End-of-the-Year Meeting der Region West des RREC. Frederik Vongehr hatte auf Wasserschloss Anholt bei Isselburg am schönen Niederrhein geladen und viele waren seinem Ruf gefolgt, teils mit, teils ohne Clubfahrzeug. So versammelten sich Silver Spur, Shadow und Cloud neben Corniche und Phantom der alten und unübertroffenen Art und ganz neu in der Runde Zimmermanns famoser Bentley MKVI. Leider erlaubte die Feuerwehr keine Parade der Autos vor der adäquaten Kulisse, aber zum Ausladen des Gepäcks war eine Runde über den Schlosshof erlaubt, Schnappschuss inklusive. Aber wenn dem Auto der Aufenthalt in seinem natürlichen Revier auch verwehrt bleibt, im Zeitalter des Computers lässt sich per Fotomontage zusammenführen, was zusammengehört. Raten Sie doch mal, welche der Aufnahmen echt und welche beiden montiert sind - ist wirklich nicht schwer. Der guten Ordnung halber sei hier hoch und heilig versichert, dass alle anderen Bilder unbearbeitet sind!

Wenn der Weg das Ziel ist, dann war das Ziel perfekt gewählt. Im Navi die Autobahn aus der Planung verbannt, führt der Weg aus allen Richtungen nach Anholt durch den Niederrhein, wie er idyllischer nicht sein kann. Schmale Landstraßen, von Kopfweiden gesäumt, winden sich durch grüne Wiesen und Stoppelfelder soweit das Auge reicht. Die höchste Erhebung weit und breit ist der Misthaufen auf dem Bauernhof, der vorüberzieht. Die Nachmittagssonne lässt das Walnussholz des Armaturenbrettes leuchten und den Zeiger auf der Gefühlsskala nach oben schnellen. Inmitten dieser famosen Landschaft thront im 40 ha großen Park das Wasserschloss Anholt und spätestens nach der Fahrt über die Zugbrücke und die Runde auf dem Schlosshof ist sicher, dass Scotty alle in die gute alte Zeit zurück gebeamt hat. Frederik Vongehr hatte den stilvollen Ort perfekt ausgewählt. Das Feuer knisterte im dunkel getäfelten Kaminzimmer, wo sich die Teilnehmer in schweren Ledersesseln niederlassen konnten, um einen Tee und ein Sandwich oder eine Trüffel oder beides zu genießen. Herrn Vongehr, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle und vollendeter Gastgeber, konnte es nicht schwer fallen, die Gruppe zu bitten sich rundum wohl zu fühlen und dabei auch Frau Dr. Ansay zu begrüßen, die die weiteste Anreise aus Hamburg unternommen hatte. Sie sollte es nicht bereuen, denn die anschließende Schlossbesichtung lehrte Interessantes und Erstaunliches. So zum Beispiel, dass es zum Schloss noch einen echten Fürsten Salm-Salm als privaten Eigner gibt und er in der obersten Etage des Schlosses wohnt, dass die Sammlung mittelalterlicher Waffen ihresgleichen sucht und dass der Fürst neulich seine beachtliche Gemäldesammlung, die schon ein Rembrandt ziert, um das Bildnis "Venus und Amor, der Honigdieb" von Lucas Cranach dem Älteren bereichert hat. Daraufhin haben wohl einige Teilnehmer insgeheim gehofft, auch einen Blick in die fürstliche Garage werfen zu dürfen, aber da hält sich der Fürst bedeckt. Immerhin gab der dicke Turm, der zur Burg gehört, einen Blick ins Verließ frei, der einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. Die mittelalterliche Küche ließ ahnen, wie anno dazumal die Köche gefordert waren. Heute wartete allerdings ein Dinner im neu an die Burg auf den See hinaus angebauten gläsernen Speisesaal. Ein spektakulärer Anblick von innen und außen gleichermaßen - Peter Fox würde neidisch werden.

Ein schöner Tag wurde von einem hervorragenden Menu gekrönt, das Küchenchef Jörg Brune mit seiner Mannschaft zubereitet hatte. Getreu dem Motto kam das Beste zum Schluss, ein Fest für alle fünf Sinne beim Dessert. Um eine mit Eis gefüllte Schokoladenburg waren Creme brOlee, Ananas-Sorbet, Champagnercreme und Co im halben Dutzend herrlich drapiert und rundeten den Abend perfekt ab. An diesem Abend reißen die Gespräche und Anekdoten nicht ab, z.B. wie einer der Anwesenden zu seinem Rolls-Royce kam: eigentlich wegen etwas ganz anderem nur auf einen Kaffee in einem Autohaus verabredet, stellt eine ältere Dame dem Autohändler das schwarze Schmuckstück ihres verstorbenen Mannes vor. Dann passiert das, was die Kultur "Liebe auf den ersten Blick" nennt. Unser Freund fragt die Dame nach dem Preis, veranlasst eine Blitzüberweisung und nimmt völlig verdutzt sofort die Autoschlüssel in Empfang - alles innerhalb einer Stunde, versteht sich - wer Rolls-Royce Enthusiast ist, hat einen Reputationsvorsprung!

Schließlich senkt sich Dunkelheit über die Burg. Der Vollmond spiegelt sich im Wasser, aus der Ferne hört man ein Käuzchen und aus der Burgklause im Keller soll noch lange das Lachen mancher Enthusiasten in die kühle Nacht gedrungen sein. Zugegeben, der Chronist war am nächsten Morgen beim Frühstück nicht mehr dabei, galt es doch die Gunst der Stunde und die räumliche Nähe zu nutzen, um liebe Verwandte zu besuchen, die dort wohnen, was wohl viel zu selten geschieht. Immerhin bescherte das eine Reise durch die frostige Nacht, dahin gleitend in kuscheliger Wohlfühlatmosphäre, durch Stille, die ein harmonisch summender Bass des Motors begleitet, beschienen von einem silbernen Vollmond. Glauben Sie nicht, würde Lucas Cranach heute leben, läge Venus auf dem Rücksitz eines Rolls-Royce oder Bentley, Amor säße entspannt am Volant und das Bild hieße: "Venus und Amor, der Autodieb"? Es ist immer diejenige Kunst, die diesen Namen verdient, die den nachhaltigsten Eindruck erweckt. Nichts gegen Cranach und Rembrandt, aber es kann halt auch die Ingenieurskunst sein, ich freue mich jedenfalls schon aufs nächste Treffen und jetzt schon auf die nächste winterliche Nachtfahrt! Und wer kein Ziel hat, bekommt hier ungefragt einen guten Rat: längst überfällige Besuche machen! Die Freude verdoppelt sich!

Text: Peter Stanikowski
Bilder: Ella Zimmermann, Winjried Friessem und Peter Stanikowski