2010 ist das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt! Was wie Hohn klingt, der Pott und Kultur?, ist berechtigte Realität. Denn das erste Mal wird ein Bündnis von 53 Städten, eine ganze Region und ein ehemaliger Industriestandort das Kulturzentrum in Europa bilden.
Noch im 18. Jahrhundert war es eine dem Münsterland vergleichbar ländliche Gegend. Liebliche Täler, auf denen eine Menge Viehzeug weidete, Wälder und Hügel, die sich hervorragend als Streuobstwiesen eigneten und natürlich Felder, die die Einwohner ernährten, prägten das Land. Im frühen 19. Jahrhundert änderte sich die Struktur zusehends. Die schon seit 400 Jahren geförderte Steinkohle wurde nun ein wertvoller Rohstoff, der zur Befeuerung von Industrieanlagen dringend gebraucht wurde. Die Preise stiegen, und die Förderung auch. So entstand ein industrieller Bergbau, der schon 1850 ca. 300 Zechen betrieb. Zusätzlich zum Abbau des Schwarzen Goldes entstanden Hochöfen, die in Kokereien zu Koks umgewandelte Steinkohle zur Roheisen- und Stahlerzeugung benötigten. Überall wurde gebuddelt, gebohrt und gebaut und damit die Landschaft völlig verändert. Für diese Arbeit brauchte man ein Menge Menschen, die auch wohnen und leben mussten.
Eisenbahnstrecken für den Transport, Städte und Siedlungen der Arbeiter und Großbetriebe wurden gebaut. Das Ruhrgebiet wuchs zum größten Ballungszentrum Europas heran. Eine neue Landschaft war entstanden, eine Landschaft der rauchenden Schlote, der Doppelböcke der Schächte, der Zechenkolonien und der Gleise als stählerne Straßen der Neuzeit. Doch die Erschöpfung der Flöze und die steigende Konkurrenz im Weltmarkt führte zu einer Stagnation des Ausbaus. Und seit 1957, der Beginn der Kohlekrise, wurden Zechen geschlossen und Betriebe stillgelegt. Überhöhte staatliche Subventionen der Wirtschaftswunderzeit und damit marktunabhängige Rohstoffförderungen konnten nicht mehr beibehalten werden. Eine Umstrukturierung war unausweichlich. Neue Schwerpunkte sollten Arbeitsplätze sichern und das einstige Industriemonopol nicht zu einem riesigen Armenviertel werden lassen. So wurde vermehrt im Bereich der Forschung investiert, es erfolgten die Gründungen der Universitäten Bochum, Dortmund und Essen. Der einstige Moloch aus Abgasen, Dreck und Gestank arbeitete jetzt an ökologischen Konzepten und wandelte ehemalige Halden in Naherholungsgebiete um. Technologie für den Kohleabbau wurde nun entwickelt und als modernste Anlagen weltweit verkauft. Durch die staatliche Subventionierung waren Grundstücke günstig. Zahlreiche Logistikunternehmen siedelten sich an und die Autoindustrie, gerade wieder mit großer Schlagseite, wurde Arbeitgeber vieler Tausend Menschen.
Heute ist das Gebiet wieder komplett verändert. Aus den einstigen Wiesen und Wäldern mit einzelnen Dörfern sind wieder Wiesen und Wälder mit vielen Städten entstanden. Dieser Weg ist auch als erfahrbare Tour einer einmaligen Industriekultur vorhanden, die ähnlich der „Straße der Backsteingotik“ Orte und bedeutsame Stätten verbindet. Zahlreiche Technik- und Industriemuseen wie das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum, das weltweit größte seiner Art, das Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen, das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg und das Umspannwerk in Recklinghausen zeugen von dieser Historie. Ein zentrales Museum entstand in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen, das Ruhr Museum, welches zum Weltkulturerbe zählt. Aber auch Kunstmuseen (Museum Folkwang in Essen, Lehmbruckmuseum und Küppersmühle in Duisburg, die Ludwig-Galerie im Schloss Oberhausen etc.) säumen diese Route.
Berühmte Theater wie das Schauspielhaus Bochum, das Grillo-Theater in Essen und die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg (das Haupthaus ist in Düsseldorf) machen jährlich mit neuen Inszenierungen, Uraufführungen und sensationellen Konzerten Furore. Aus der Kulturszene ist der Pott nicht mehr wegzudenken. Selbst im Unterhaltungsbereich ist einiges geboten. Man denke nur an das Musical „Starlight-Express“ in Bochum, dem erfolgreichsten aller Zeiten, welches seit 1988 ununterbrochen gespielt wird. Aber Kultur ist auch Bewegung, und zwar die Fähigkeit zur Wandlung. Davon zeugen eben nicht nur die oben genannten Häuser, Institutionen und Zentren, sondern auch die auf den zahlreichen Festivals immer stärker präsente und individuelle Kulturszene wie auf der Ruhrtriennale, den Ruhrfestspielen, der ExtraSchicht und auf 40 weiteren Veranstaltungen dieser Art.
Nähert man sich nordwestlich dem Ruhrgebiet, sollte man unbedingt auf der Wasserburg Anholt innehalten und noch einmal die Geschichte in ihrer Nachhaltigkeit erleben. Seit Jahrhunderten ist sie im Besitz der Fürsten zu Salm und zu Salm-Salm und ist Sitz der größten privaten Gemäldesammlungen in Nordrhein-Westfalen. Mit über 700 Bilder, u.a. mit herausragenden Malern der niederländischen und flämischen Schule wie Rembrandt, van Goyen, Gerard ter Boch und Breughel, ist gerade dieses Hotel Zeugnis für den kulturellen Reichtum der Umgebung. Trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sind große Teile des historischen Inventars erhalten und zeugen so von einer vorindustriellen und kulturell internationalen Geschichte. Nach dem Erleben der Kulturhauptstadt 2010, der lebendigen und von Einflüssen überquellenden Metropole, bietet sich ein Besuch der Burg Schnellenberg an. Hier, inmitten des Sauerlandes, kann man sich auf der majestätisch liegenden Burg erholen und die gewonnenen Eindrücke verarbeiten. Uralte Steinmauern und Burganlagen lassen die rasante Entwicklung und territorialen Metamorphosen des Ruhrgebietes außen vor und verwöhnen mit dem Luxus von Zeit und Stille.
Neben dem Karneval und dem Dialekt bietet also der Pott noch manches, was es kennenzulernen lohnt. Und wenn man aus der Sicht der Kulturhauptstadt 2010 diese rasante Entwicklung betrachtet, und wenn man dann das Niveau, die Ernsthaftigkeit und die globale Ausstrahlung dieser vielzähligen Kultureinrichtungen erlebt, ist man mehr als geneigt, dieser Ernennung voll und ganz zuzustimmen.




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